Dmitrij Spiridonovič Bisti

*1925 in Sewastopol, UdSSR (jetzt Ukraine)

† 1990 in Moskau, UdSSR (jetzt Russland)

Dmitrij Spiridonovič Bisti, Im Land der Wassergeister, 1984, Holzschnitt auf Japanpapier, je 15,00 x 20,00 cm (Maße variabel bis 16x23cm), Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung © Dmitrij Spiridonovič Bisti / Foto: Simon Vogel

Es sind ulkige Kreaturen, die auf den insgesamt 29 Blättern dieser Serie in der Museumssammlung ihr Unwesen treiben (in der Ausstellung wird eine Auswahl von 8 Blättern gezeigt). Wesen, die mal humorvoll-verschmitzt, mal beinahe bedrohlich aber eigentlich immer karikaturesk erscheinen. Dabei ist besonders auffällig, wie gekonnt der sowjetische Grafiker Dmitrij Spiridonovič Bisti (1925–1990) die Motive auf dem Blatt platziert, um trotz der Freiflächen stets eine harmonische Komposition zu erzielen. Die häufig skurrile Anmutung der Gestalten darf in der Kombination mit dem starken Schwarzweißkontrast, den klaren Konturen und der minimalistischen Flächigkeit durchaus an Cartoons erinnern.

Es ist allerdings ein Trugschluss, die Freiflächen als leer zu betrachten, denn bei diesen Arbeiten handelt es sich eigentlich um Buchillustrationen. Die Seiten sind also für das Zusammenspiel mit einem Textblock und als Doppelseiten konzipiert. Dass sie auch als eigenständige Werke funktionieren spricht umso mehr für die Kunstfertigkeit des Stechers. An der Nummerierung und der Wahl des dünnen Japanpapiers als Trägermaterial lässt sich erkennen, dass diese Blätter auch tatsächlich als solche hergestellt wurden. Bisti ist dafür bekannt, für seine zahlreichen Illustrationsarbeiten die Technik des Holzschnitts bevorzugt zu haben, die sich trotz moderner Entwicklungen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Russland wieder größerer Beliebtheit erfreute.

Die 1927 von dem japanischen Schriftsteller Akutagawa Ryūnosuke (1892–1927) verfasste Erzählung, die hier bebildert wird, trägt im Original den Titel Kappa (河童) – in Japan sehr bekannte im Wasser beheimatete Fabelwesen. Allerdings ist der Titel in der russischen Übersetzung vermutlich dem besseren Verständnis des Zielpublikums zum Opfer gefallen und wurde daher zu В стране водяных (zu Deutsch wiederum als Im Land der Wassergeister übersetzt).

Akutagawa bedient sich der Kappa, um sowohl eine gesellschaftssatirische Parodie auf das Japan der Taishō-Zeit (1912–1926), als auch Gedanken zu seinem eigenen Leben mit einer gewissen Distanz zu Papier bringen zu können. Er verlegt die Handlung in das fiktive Land der Kappa, das von einem psychiatrischen Patienten aus Tokio besucht wird, und thematisiert so nur indirekt die Lebensbedingungen der einfachen japanischen Bevölkerung.

Obwohl die Kappa im Volksglauben häufig den Yōkai zugerechnet werden – im weitesten Sinne wohl als Klasse von Dämonen oder Gespenstern zu verstehen – sind sie in ihrem Wesen nicht bösartig sondern spielen eher die Rolle schelmischer (aber nicht ganz ungefährlicher) Störenfriede, die beispielsweise den Bauern ihre Gurken von den Feldern mopsen – daher auch die Bezeichnung „Kappa Maki“ für das beliebte Gurken-Sushi.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts trugen insbesondere Übersetzungen der Erzählung von Akutagawa und die Kappa-Malereien von Ogawa Usen (1868–1938) dazu bei, dass diese Wesen inzwischen auch in unseren Breiten Einzug in die Popkultur und das kollektive Bildgedächtnis gehalten haben. Man denke etwa an die gleichnamigen Wasserdämonen bei Harry Potter, verschiedene Figuren in dem beliebten Videospiel Animal Crossing oder den erfolgreichen Hollywoodfilm Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017), der durchaus als niveauvolleres Hochglanz-Remake des Films Onna no kappa – Underwater love (2011) verstanden werden kann.

Gleichzeitig geben diese Holzschnitte zu bedenken, dass sie im repressiven Klima der UdSSR entstanden sind, in dem man als beauftragter Illustrator von Übersetzungen (also der Ideen eines anderen) vermutlich freier in der eigenen Arbeit war als viele andere Kunstschaffende. So vereinen sich in diesen auf den ersten Blick einfach lustig und skurril wirkenden Grafiken eine Vielzahl an Themen: Vom Holzsschnitt als historisches Verfahren der Buchillustration und Fragen formalästhetischer Bildkomposition, über die japanische Mythologie, bis hin zu den Verbreitungswegen von Motiven durch die verschiedensten künstlerischen Genres[1] und die (Un-)Freiheit der Kunst in totalitären Systemen.

NR

[1]   Die Erzählung der Reise ins Land der Wassergeister erinnert wahrscheinlich nicht bloß zufällig an die auch in Japan bekannten Gullivers Reisen von Jonathan Swift (1726).